Internationaler Händel-Forschungspreis 2014 Preisverleihung am 10. Juni 2014 im Rahmen der Eröffnung der Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz 2014 „Händel und die Musikgeschichte des Hauses Hannover“

 

v.l.n.r. Prof. Dr. Rebekka Sandmeier, Dr. Matthew Gardner, Dr. Dominik Höink, Henrik Oerding

Foto: Teresa Ramer-Wünsche


Der Internationale Händel-Forschungspreis der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft e.V., Internationale Vereinigung, wurde zu gleichen Teilen vergeben an

Dr. Matthew Gardner, Heidelberg, für seine Edition der Wedding Anthems, HWV 262 und 263, im Rahmen der Hallischen Händel-Ausgabe, soeben erschienen im Bärenreiter-Verlag Kassel,

sowie

Dr. Dominik Höink, Münster, und Prof. Dr. Rebekka Sandmeier, Cape Town, für ihre rezeptionsgeschichtliche Grundlagenstudie Aufführungen von Händels Oratorien im deutschsprachigen Raum (1800–-1900). Bibliographie der Berichterstattung in ausgewählten Musikzeitschriften, die Publikation erscheint im Herbst 2014.
Die Arbeit entstand im Rahmen des Nachwuchswissenschaftlerprojekts des Exzellenzclusters Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne der Universität Münster. Beteiligt waren Studierende aus Deutschland und Südafrika: Maria Behrendt, Katharina Dettmann, Nicole D’Oliveira, Maike Gevers, Sarah Grossert, Marika Henschel, Robert Memering, Henrik Oerding, Itunu Ogunseitan und Kirstin Pönnighaus.

Der Preis wird vergeben mit freundlicher Unterstützung der Stiftung der Saalesparkasse.

Laudatio von Prof. Dr. Silke Leopold, Heidelberg
Über kaum einen Komponisten ist so lange schon geforscht worden wie über Händel − mehr als 250 Jahre lang, seit John Mainwaring 1761 kurz nach Händels Tod die erste Biographie des Komponisten veröffentlichte. Tausende von Seiten wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Händels Leben und Werk sind seitdem produziert worden, jedes Detail scheint inzwischen durchleuchtet und kommentiert worden zu sein. Doch wenn es wahr ist, dass nicht nur Geschichte, sondern auch Musikgeschichte in jeder Generation neu geschrieben werden muss, weil sich das Verständnis der Vergangenheit nach den Fragen richtet, die die Gegenwart an sie stellt, so wird deutlich, dass selbst bei vermeintlich so ausgeforschten Komponisten wie Händel immer neue Erkenntnisse zu erwarten sind.

Diese Erkenntnis liegt dem Händel-Forschungspreis zugrunde, der in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen wird. Als die ersten Mails über das Vergabeverfahren zwischen den Mitgliedern der Jury hin und her gingen, fand sich da in einer der Satz: „Es ist für das erste Mal sicherlich nicht mit einer großen Zahl von Anträgen zu rechnen“. Welch ein Irrtum. Welch ein schöner Irrtum. Wir, die Jury, wir waren überwältigt von dem Zuspruch, den der Händel-Forschungspreis gleich bei der ersten Ausschreibung erfahren hat. Und wir waren gleichermaßen überwältigt von der Menge und der Qualität dessen, was uns da vorgeschlagen und zugeschickt wurde. Wir waren fasziniert, wie groß die Breite dessen ist, was derzeit über Händel geforscht wird − keine Rede also davon, dass dieser seit 250 Jahren wohl erforschte Komponist tatsächlich ausgeforscht sein könnte. Und wir waren gleichermaßen fasziniert, wie verschiedenartig die jeweiligen Zugänge zum Material, die Methoden der Erforschung und Bereitstellung und die Arbeitsweisen waren, die sich uns da präsentierten. So groß und so verschiedenartig, dass wir schließlich in einem Dilemma steckten. Denn am Ende unseres Auswahlverfahrens standen sich zwei Arbeiten gegenüber, bei denen eine Diskussion über die Qualität nicht nur deshalb zu nichts mehr führte, weil die Arbeiten gleich exzellent waren, sondern auch, weil sie in allem so verschieden waren, dass ein Vergleich letztlich nicht möglich war, weil sich Äpfel und Birnen nun einmal nicht vergleichen lassen. Wenn wir uns also entschlossen haben, den Preis zu teilen, so nicht etwa, weil wir unentschlossen waren oder uns gar nicht hätten einigen können − nein: Wir haben dies einstimmig beschlossen, weil wir der Meinung sind, dass auf diese Weise auch die Bandbreite dessen, was Händel-Forschung sein kann, deutlich wird. Wie immer wir entschieden hätten, wenn wir von diesen zwei Arbeiten eine ausgewählt hätten − wir hätten auch eine Entscheidung darüber treffen müssen, welche Art der Händel-Forschung wir für die wichtigere halten. Dazu aber fühlt sich die Jury nicht berufen − im Gegenteil: Wir haben uns gerade über die große Bandbreite der Händel-Forschung heute sehr gefreut − von Quellenarbeit über analytische Untersuchungen, kulturwissenschaftliche Einordnungen bis hin zu Rezeptionsforschung, von der Einzelhaft im stillen Kämmerlein bis hin zu Projekten, an denen eine ganze Forschergruppe in ständigem gegenseitigem Austausch arbeitet. Wir sind der Überzeugung, dass alles gleichermaßen seine Berechtigung hat. Deshalb haben wir den Preis geteilt. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und die Diktatur des Alphabets will es, dass ich nun als ersten Matthew Gardner nenne, der den Händel-Forschungspreis für seine Edition von Händels Wedding Anthems im Rahmen der Hallischen Händel-Ausgabe erhält.

Matthew Gardner kam nach einem Studium der Musikwissenschaft sowie Orgel und Cembalo in Newcastle upon Tyne nach Heidelberg und promovierte dort 2007 mit einer Arbeit über Handel and Maurice Greene's Circle at the Apollo Academy: the Music and Intellectual Contexts of Oratorios, Odes and Masques. Seitdem hat er als Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heidelberger Musikwissenschaftlichen Seminar gearbeitet und leitet seit 2011 ein DFG-gefördertes Forschungsprojekt über The Business of Singing in England 1660-1760. Seine wissenschaftlichen Interessen kreisen also seit je um Händel und sein Londoner Umfeld, und so war es nur logisch, dass er sich mit den Wedding Anthems für die Hallische Händel-Ausgabe beschäftigt hat. Auf einen ersten Blick scheinen die Wedding Anthems weniger editorische Probleme zu bieten als die erfolgreichen Opern mit ihren zahllosen Varianten. Allerdings ist auch die Quellensituation von Sing unto God nicht unproblematisch, denn es gibt keinen einzigen erhaltenen Text, der als „beste Quelle“ dienen könnte. Matthew Gardner hat eine sehr sorgfältige Quellenarbeit vorgelegt und alles vorhandene Material mit großer Kenntnis nicht nur der Quellen, sondern auch des Umfelds zu einer kritischen Edition zusammengefügt und damit ein neues Verständnis von dieser Komposition ermöglicht. Die Edition ist vor ein paar Wochen, also gerade noch rechtzeitig zu den diesjährigen Händel-Festspielen, im Druck erschienen. Mag die Editionsarbeit derzeit unter den jüngeren Musikwissenschaftlern weniger Konjunktur haben als etwa kulturwissenschaftliche Studien − wir, die Jury, sind überzeugt, dass es sich hierbei nicht nur um eine herausragende, sondern auch um eine preiswürdige Leistung handelt. Unsere herzliche Gratulation begleitet die Verleihung des Preises an Matthew Gardner.

Und wenn ich vorhin von der ganzen Bandbreite der möglichen Forschung gesprochen habe, so werden Sie das jetzt verstehen, wenn ich den bzw. die anderen Preisträger bekannt gebe. Denn zu der Quellenarbeit gesellt sich jetzt eine Arbeit zur Rezeptionsforschung, und darüber hinaus nicht etwas, was am Schreibtisch eines Einzelnen entstanden ist, sondern die Gemeinschaftsarbeit zahlreicher Wissenschaftler und solcher, die es bald auch sein werden, darstellt. Der Händel-Forschungspreis geht auch an die Arbeit mit dem Titel Aufführungen von Händels Oratorien im deutschsprachigen Raum (1800-1900). Bibliographie der Berichterstattung in ausgewählten Musikzeitschriften, hrsg. von Dominik Höink und Rebekka Sandmeier unter Mitarbeit von Maria Behrendt u.a. Was es mit diesen „und anderen” auf sich hat − davon später. Bei dieser Arbeit, die im Herbst dieses Jahres bei Vandenhoek und Ruprecht in Göttingen erscheinen wird, handelt es sich um eine Art Katalog. Sie ist der erste umfassende Versuch, die Händel-Rezeption des 19. Jahrhunderts in Deutschland auf eine breite Dokumentenbasis zu stellen. Wir wissen ja, dass Händels Oratorien im 19. Jahrhundert allenthalben aufgeführt wurden. Für das Nachschlagewerk wurden nun die zentralen Zeitschriften, etwa die Allgemeine Musikalische Zeitung aus Leipzig, oder die von Robert Schumann begründete Allgemeine Zeitschrift für Musik und andere systematisch nach Erwähnungen von Händel-Oratorien durchforstet. Die Digitalisierung derartiger Zeitschriften und die damit verbundene Volltextsuche macht es möglich und deutlich leichter als eine solche Arbeit noch vor zwei Jahrzehnten gewesen wäre. Es ergab sich die Zahl von 4476 Aufführungen, das sind grob gerechnet 44 pro Jahr, 3-4 pro Monat. Die Autoren listen alles an erreichbaren Informationen auf, was die Quellen hergeben
− Ort, Zeit und Anlass der Aufführung, Informationen über Ausführende und so fort.

Das Projekt erschien uns, der Jury, aber noch aus einem anderen Grund preiswürdig. Es ist nämlich ein schönes Beispiel, wie man den wissenschaftlichen Nachwuchs ganz am Anfang seiner eventuellen Laufbahn in wissenschaftliche Projekte mit einbeziehen kann. Als federführend zeichnen Dominik Höink und Rebekka Sandmeier. Dominik Höink ist ein Münsteraner Gewächs, er hat dort Musikwissenschaft, katholische Theologie und Psychologie studiert und 2009 mit einer Arbeit über die Rezeption von Anton Bruckners Kirchenmusik promoviert. Schon vor seiner Promotion und seitdem arbeitet er in verschiedenen DFG-geförderten Projekten, u. a. im Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“, mit. Auch Rebekka Sandmeier führte ihr wissenschaftlicher Weg nach einer Promotion in Dublin nach Münster, wo sie einige Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war und sich 2008 mit einer Arbeit über Geistliche Vokalpolyphonie und Frühhumanismus in England habilitierte, bevor sie nach Südafrika ging, wo sie heute Professorin ist. Frau Sandmeier und Herr Höink haben nun für ihr Projekt zahlreiche Studierende aus Kapstadt und aus Münster in die Recherchen mit eingebunden und auf diese Weise ihr Projekt auch zu einem internationalen Nachwuchsförderprojekt gemacht. Wundern Sie sich also bitte nicht, dass es hier auf der Bühne gleich voll werden wird. Die Jury hielt auch dieses Projekt für preiswürdig und gratuliert allen daran beteiligten Preisträgern herzlich.

Und nun bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich mich sehr auf die kommende Preisverleihungsrunde freue, denn das Lesen so vieler wichtiger Forschungen zu Händel hat nicht nur viel Arbeit, sondern vor allem auch viel Spaß gemacht, und ich hoffe, dass dieser Preis weiterhin Ansporn für junge Wissenschaftler sein wird, es auch nach 250 Jahren wieder einmal mit Händel zu versuchen.
Downloads
PM 22 10 2013.pdf [587.1KB/pdf]
PM 28 05 2014.pdf [54.5KB/pdf]
PM 10 06 2014.pdf [33.0KB/pdf]
Fotogalerie
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Die Jury:
Thomas Neumann, Jan-Hinrich Suhr, Prof. Dr. Silke Leopold, Prof. Dr. Donald Burrows, Prof. Dr. Wolfgang Hirschmann (v.l.n.r.)
Die Preisträger mit Vertretern der Nachwuchsforschergruppe:
Sarah Grossert, Henrik Oerding, Kirstin Pönninghaus, Dr. Dominik Höink, Prof. Dr. Rebekka Sandmeier, Dr. Matthew Gardner (v.l.n.r.)
Preisverleihung
Empfang für die Preisträger
Die Preisträger:
Dr. Dominik Höink, Prof. Dr. Rebekka Sandmeier, Dr. Matthew Gardner (v.l.n.r.)
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