Athalia HWV 12 (I/12.1: Fassung der Erstaufführung, Notenband mit Vorwort; Kritischer Bericht in I/12.2), herausgegeben von Stephan Blaut, Kassel 2006

Zu Beginn des Sommers 1733 reiste Händel zusammen mit seinen Sängern und Instrumentalisten nach Oxford. Der Vizekanzler der dortigen Universität hatte ihn gebeten, den „Publick Act“ (Feierlichkeiten zur Verleihung der akademischen Würden) mit musikalischen Darbietungen zu bereichern. Händel folgte der Einladung und führte in der Zeit vom 5. bis 12. Juli „Esther“, HWV 50b, „Athalia,“ HWV 52, „Acis and Galatea“, HWV 49b, und „Deborah“, HWV 51, auf. Das von Winton Dean als erstes großes englisches Oratorium bezeichnete Werk „Athalia“ entstand in der Zeit von Ende April bis Anfang Juni 1733; die spektakuläre Uraufführung fand nur wenige Wochen später am 10. Juli im Oxforder Sheldonian Theatre statt. „The Norwich Gazette“ berichtete am 14. Juli, dass bei der Aufführung von „Athalia“ ungefähr 70 Musiker mitwirkten. Das war die gewaltigste und prächtigste musikalische Vorstellung, die bis dahin in der Universitätsstadt geboten wurde. Das Libretto zu Händels „Athalia“ verfasste Samuel Humphreys (ca. 1698–1738). Als Vorlage diente ihm hierbei Jean Racines Tragödie „Athalie“ (1691), die in England Anfang des 18. Jahrhunderts durch eine Übersetzung, aber sicher auch durch Drucke in der Originalsprache bekannt geworden war. 1722 erschien von William Duncombe (1690-–1769) eine „Athalie“-Übersetzung im Verlag von John Watts, der später auch die Textbücher von Händels „Athalia“ (1733 und 1756) druckte. Humphreys übernahm aus Racines Tragödie wesentliche Teile des Handlungsgerüsts, so z. B. die für die Entwicklung des Dramas wichtigen, nicht in der Bibel vorkommenden Ereignisse um Athalias Albtraum (Part I), ihre Konfrontation mit Joas (Part II) und die Weissagung Joads (Part III). Händels Kompositionspartitur enthält alle Musikstücke, die mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Erstaufführung von „Athalia“ erklangen. Sie sind im ersten Band von HHA I/12 abgedruckt. Außer der Direktionspartitur geben alle zeitgenössischen Partitur- und Stimmenabschriften im Wesentlichen nur diese Fassung wieder. Bei der Erarbeitung des Notentextes von „Athalia“ wurden auch die Direktionspartituren der Serenata „Parnasso in festa“, HWV 73, und des Wedding Anthems „This is the day which the Lord hath made“, HWV 262, einbezogen, da sie in großen Teilen direkt von der „Athalia“-Direktionspartitur abgeschrieben wurden und zusätzliche Informationen über die Aufführungspraxis bieten.

 

(Quelle: Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Jahresbericht Hallische Händel-Ausgabe 2006)

Athalia HWV 12 (I/12.2: Spätere Fassungen, Notenband mit Kri­tischem Bericht), herausgegeben von Stephan Blaut Kassel 2006
Der zweite Band von HHA I/12 enthält die für die Wiederauf­führungen von 1735 und 1756 und die geplanten Aufführungen von 1743 geänderten oder neu komponierten Stücke sowie den Kritischen Bericht zu allen Fassungen von „Athalia“. Hinweise zur jeweiligen Gestalt der verschiedenen Fassungen liefern die erhaltenen Einfügungen, diversen Notizen und Spuren in der „Athalia“-Direktionspartitur sowie die Libretti von 1735 und 1756.

Besonders wichtig für die Kenntnis der Fassung von 1735 ist ein erst vor wenigen Jahren entdecktes Textbuch der ersten Londoner Aufführungen von „Athalia“. Es handelt sich um ein speziell für diesen Anlass bearbeitetes Exemplar der 1733 gedruckten Libretti, das ein eingeklebtes Blatt mit den für Giovanni Carestini bestimmten italienischsprachigen Arien enthält. Einige der Carestini-Arien fügte Händel später u. a. in „Esther“, HWV 50b (1737), und in „An Oratorio“ (1738) ein. Die bislang im Zusammenhang mit diesen Werken erwähnten und die Carestini-Arien enthaltenden Quellen fanden bei der Edition Berücksichtigung.

Für die aus unbekannten Gründen 1743 nicht zustande gekommenen Aufführungen bearbeitete Händel „Athalia“ erneut. Er eliminierte die italienischsprachigen Stücke sowie die meisten 1735 neu komponierten Sätze (so z. B. auch das zum Abschluss des Oratoriums erklungene Orgelkonzert F-Dur, HWV 292). Nur zwei oder drei neue Sätze sollten 1743 aufgenommen werden: Die Arie „The rising world“ hat den Text und das thematische Material mit dem ursprünglichen Chor „The rising world“ gemeinsam und ist in der Direktionspartitur enthalten. Die durch Parodie der Arie „Come nembo che fugge col vento“ („Il Trionfo del Tempo e della Verità“, HWV 46b, Nr. 33) entstandene Arie „Hence I hasten“ befindet sich nicht mehr in spezifischen „Athalia“-Quellen.

Die wichtigsten Quellen für die letzte Fassung von „Athalia“ sind das 1756 gedruckte Libretto sowie die Direktionspartitur. Das Libretto ließ Händel erneut bei Watts drucken, der hierfür einen Großteil der Druckplatten des Librettos der Uraufführung wiederverwendete. Sämtliche in den Aufführungen von 1756 erklungenen Sätze sind in der Direktionspartitur enthalten. Für die Edition der beiden Arien „Lovely youth, come live with pleasure“ und „Happy Judah, in every blessing“, deren Musik von zwei Arien aus „Parnasso in festa“ (Nr. 28b und 16) entlehnt ist, wurden auch Quellen herangezogen, die in den Kontext anderer Werke gehören. „Athalia“ endete in der Fassung von 1756 mit dem Chor „The King shall rejoice“, der mit dem ersten Satz aus dem Dettingen Anthem, HWV 265, identisch ist.


(Quelle: Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Jahresbericht Hallische Händel-Ausgabe 2006)

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